Monatsarchiv: Juni 2011

Zahl des Tages (30.06.2011): 3.200.000.000

Verstehe ich DAS richtig? Das sollen

3.200.000.000 (3,2 Milliarden) Euro

Hilfe sein?

OK, nur um sicherzugehen … Ich halte das nämlich eher für den WITZ DES TAGES. Allerdings einen ziemlich unlustigen …

Die deutschen Banken sind mit etwa 10 Mrd. Euro in Griechenlandanleihen investiert. Davon werden bis 2014 3,2 Mrd. Euro fällig. 1,2 Mrd. davon liegen in den eh schon staatlichen Bad Banks von HRE und WestLB. Dann bleiben also 2,0 Milliarden, die die deutschen Geschäftsbanken in Griechenlandanleihen halten, die bis 2014 laufen.

Für diese 2,0 Mrd. gilt jetzt das “französische Modell”. 50% davon werden in neue 30jährige Griechenlandbonds investiert. 20% in EU-Anleihen. 30% behalten die Banken direkt gleich.

Wow! Die deutschen Geschäftsbanken investieren eine einzige alberne Milliarde neu in Griechenlandanleihen, die mit 5,5% + BIP Wachstum höhere Zinsen abwerfen als bisher und die Banken nennen das *HILFE*? Und sind scheinbar stolz darauf, weil das ja “freiwillig” sei.

Und vielleicht noch schlimmer: Die Medien nennen alle die 3,2 Mrd … Ja, die Summe stimmt. Denn das sind die 3,2 Mrd, die der europäische Steuerzahler in den Topf wirft, um die griechischen Anleihen zurückzuzahlen (woanders bekommt Griechenland ja kein Geld mehr …). Damit die Banken im Gegenzug 1 Mrd. in höher verzinsliche Papiere tauschen. 

Der ganze Deal ist auch deswegen ein Witz, weil der europäische Rettungsfonds ziemlich preiswert Geld am Kapitalmarkt bekommen kann (2,8% bei der letzten Emission, also nur etwa 0,5% mehr Zinsen als bei einer Bundesanleihe). Zu dem Zins von 5,5% + BIP Wachstum kann der Staat das Geld auch selber an Griechenland verleihen …

Für alles weitere verweise ich auf meinen alten Artikel:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Gerüchte: Deutsche Banken unterstützen franz. Plan für Griechenschulden

Ich fass das alles nicht. Das ganze Angebot, die Darstellung und die Pressereaktion darauf sind in meinen Augen eine Frechheit … (auch wenn ich manchen Medien immerhin der laut Ackerman “substanzielle” Beitrag als “kleiner Finger” oder “symbolische Geste” beschrieben wird).

Treffen mit Schäuble: Banken sollen Athen mit 3,2 Milliarden Euro helfen – Europas Schuldenkrise – Wirtschaft – FAZ.NET

Update (20:22):

Blicklog nennt die Pressemitteilung des BMFI treffend “Gesülze” 

Die Banken machen übrigens nur “im Rahmen der wirtschaftlichen und rechtlichen Möglichkeiten” mit. Also nicht einmal das ist sicher …

Update 2 (20:49):

Ach so, eigentlich wollte ich im ersten Update noch den Link auf das PDF mit Pressemitteilung einbauen: 

http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_1270/DE/Wirtschaft__und__Verwaltung/Europa/20110630-Griechenland-anl-D,templateId=raw,property=publicationFile.pdf

Bundesministerium der Finanzen: Beteiligung privater Gläubiger an der Unterstützung für Griechenland

Update 3 (22:37):

Mit der gebührenden Zurückhaltung, die ein Massenmedium wohl “draufhaben” muss, bringt die FTD einen durchaus passenden Kommentar. Darin wird sowohl die Summe halbwegs sinnvoll dargestellt (wenn auch nicht ganz auf die 1 Mrd. runtergerechnet) als auch der hohe Zins erwähnt.

Man hätte aber auch ruhig noch darstellen können, dass die 3,2 Mrd. die Summe sind, die der Steuerzahler aufbringt, indem die Anleihen getilgt werden. Und die Banken nur 1 Mrd. in diesen Topf zurückschütten … 

Bankenbeteiligung: Ein Beiträgchen für Griechenland | FTD.de

Update 4 (04.07.11):

Habe in meinem Hauptblog nochmal was dazu geschrieben. Das ist vielleicht noch von Interesse:

Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Die Kosten der Griechenlandbeteiligung für deutsche Banken liegen bei Null. Niente. Zero.

Lohnsteuer nur 1/4 der Gesamtsteuereinnahmen

Weil gerade wieder fleissig über den Kirchhof Vorschlag mit 25% Flattax diskutiert wird und da gerne auch der unglaublich hohe Anteil der Spitzenverdiener am gesamten Steueraufkommen in die Runde geworfen wird:

Die Diskussion ALLEIN über die Lohn- und Einkommensteuer greift zu kurz. Denn diese machen nur etwa ein Drittel der Gesamtsteuereinnahmen aus. Von den gesamten Steuereinnahmen 2010 (531 Mrd. €) sind “nur” 128 Mrd. Euro  (oder knapp 25%) Lohnsteuer. OK, dazu muss man noch Einkommensteuer (31 Mrd.), Soli (12 Mrd.) und Steuern auf Kapitaleinkünfte (8 Mrd.) rechnen, aber auch dann komme ich gerade einmal auf ein Drittel der Gesamtsteuereinnahmen. Dagegen kommen 180 Mrd. Euro aus der Umsatzsteuer und 46 Mrd. aus Energie- und Stromsteuer und der Rest aus diversen anderen Steuern.

Entscheidend bei den anderen Steuern ist eines: Diese sind NICHT progressiv. Die Umsatzsteuer liegt bei 19% (oder 7 oder 0 bei bestimmten Produkten), egal ob ich Millionär oder Hartz IVler bin. Genau wie Energiesteuern, Kaffeesteuer oder was auch immer.

Das soll nicht bedeuten, dass die Besserverdienenden zu viel oder zu wenig Steuern bezahlen. Ich möchte auf etwas anderes hinaus, nämlich dass der Normalverdiener mit einem Steuersatz von 20% eben NICHT nur einen halb so hohen Steuersatz hat wie der Spitzenverdiener, auf die Einkommensteuer betrachtet schon, auf die gesamte Steuerbelastung aber nicht. Ein kleines Rechenbeispiel nur mit der Umsatzsteuer:

100-40%-19%=48,6% bleiben übrig, 52,4% gehen an den Staat.

100-20%-19%=64,8% —> 35,2% gehen an den Staat.

100-19%=81% —> 19% gehen an den Staat.

Man sieht schnell, dass der durchschnittliche GESAMTsteuersatz des Spitzenverdieners mit 40% Einkommensteuersatz “nur” 50% höher ist als der Gesamtsteuersatz eines Menschen, der 20% Einkommensteuersatz hat. Er hat also keinen doppelt so hohen Steuersatz! Auch ist die Familie (2 Erwachsene, 2 Kinder) mit 30.000 Euro netto, die dank der Freibeträge überhaupt keine Lohnsteuer zahlt, nicht steuerfrei, denn die Umsatzsteuer zahlt sie ja weiterhin fleissig. Inkl. der Energie-, KFZ-, (etc.) Steuern wahrscheinlich durchaus 25% des Einkommens.

Klar, ist diese Diskussion bis hierher auch zu kurz, denn ich habe bisher nur über die Steuersätze geschrieben. Und diese sagt ja nur indirekt etwas aus über die Menge der gezahlten Steuern. Und da zahlt jemand mit 4.000 Euro Einkommen halt schon tendenziell (mindestens) doppelt so viel wie jemand, der 2.000 Euro verdient, weil er auch doppelt so viel ausgibt. Das macht die Diskussion ja auch so schwierig, weil in der Diskussion gerne Steuersätze (=prozentual) und Steuermenge (=absolut) und zusätzlich noch Lohn(Einkommen)steuer und Gesamtsteuer durcheinandergeworfen werden.

Daher immer eine gesunde Menge Skepsis mitbringen, wenn Aussagen wie “10% der am besten Verdienenden tragen 90% zum Steueraufkommen bei und das ist ja wohl genug” kommen. Oft ist dann mit Steueraufkommen nämlich nur das Drittel Lohn/Einkommensteuer gemeint, nicht das Gesamtsteueraufkommen. Da kann man mit kleinen “Ungenauigkeiten” tolle Aussagen produzieren … 

Statistisches Bundesamt Deutschland – Statistik über das Steueraufkommen

(Übrigens: Noch weiter gedacht müsste man auch bedenken, dass die Topverdiener auch zum großen Teil nicht in Renten- und Krankenkasse und Arbeitslosenversicherung einzahlen. Daher sinkt der Steuer+Abgabensatz der Topverdiener an “Gemeinschaftsfinanzierung” sogar. Das sind keine spinnerten “Ich bin links, ich kann nicht rechnen” Zahlen, sondern quasi offizielle Berechnungen der OECD (bei 63.000€/Jahr/Single beträgt die Belastung 53,7%, bei 110.000€ “nur” noch 50%, Quelle; allerdings ohne die Belastung durch indirekte Steuern).

Und noch noch weiter gedacht, müsste man jetzt noch die Leistungen, die der Staat bereitstellt, dagegenrechnen. Aber das wird soooo unglaublich kompliziert, dass das eine Aufgabe für eine Doktorarbeit ist … Auch wenn es versucht wurde … (allerdings ohne die Belastung durch indirekte Steuern)).

#Zynga (#Farmville,#Cityville) plant 20 Mrd. $ IPO. Crazy?

3* so viel wert wie Electronic Arts, etwa 1,5* so viel wie Activison Blizzard oder etwa genau so viel wie Yahoo!

Hmmm. OK, die 20 Mrd. sind die (bisherige) Oberkante beim geplanten Börsengang. Der Korridor liegt bei 15 bis 20 Mrd. Dollar. Wie üblich bringt man nur einen Bruchteil des Grundkapitals an die Börse, damit die (sicherlich vorhandene) Nachfrage nur auf ein kleines Angebot trifft.

Bubble2.0 kann man schnell rufen, allerdings sollte man sich die Geschäftszahlen vorher ruhig mal anschauen. Denn die sehen im Fall von Zynga geradezu überraschend gut aus. 1,8 Mrd. Dollar Umsatz mögen noch kein guter Grund sein, um eine 20 Milliarden Dollar Bewertung zu rechtfertigen. Aber Zynga ist hochprofitabel. Es werden 630 Millionen Dollar Gewinn für das Geschäftsjahr 2011 erwartet. Das wäre ein KGV von knapp 32. Für ein Wachstumsunternehmen durchaus OK, Kernfrage ist allerdings, ob Zynga noch deutlich wachsen kann. Vielleicht ist mit dem aktuellen Pool von 250 Millionen Spielern weltweit der Markt auch ausreichend bearbeitet. Aber wer weiss das schon?

Das ist natürlich alles andere als preiswert. Es ist aber auch nicht komplett irre, wie z.B. bei Groupon, wo die Bilanz mehr an ein Schneeballsystem erinnert als an ein konservativ bilanzierendes Unternehmen (siehe Die wunderbare Welt der Wirtschaft!: Groupon: Finger weg!).

Für endgültigere Aussagen ist es aber noch zu früh, da das Filing von Zynga bei der SEC noch nicht eingereicht ist (zumindest zeigt es die Suche noch nicht an). Und darin könnten noch ähnliche (negative) Überraschungen geben wie bei Groupon. Wer weiss, woher der Gewinn kommt? Wenn er wirklich aus Werbung und vor allem den Einnahmen für virtuelle Güter innerhalb der Spiele stammt, wären Umsatz und Gewinn immerhin echt …

Bild

Wow. Cooler Chart. Shortseller Attacke bei Spreadtrum. 30% runter in einer halben Stunde und dann wieder alles in einer Stunde aufgeholt.

Der Auslöser ist eine öffentliche Anfrage von Muddy Waters (joh, die von Sino Forest) an die Spreadtrum und die Nachricht:

Muddy Waters has taken a short position in Spreadtrum”

 Muddy Waters vermutet Unsauberkeiten in der Bilanzierung. Die Börse glaubt das aber noch nicht so ganz, siehe Chart.

Die ganze Story:

FT Alphaville » The Muddy Waters effect [updated]

Update (29.06.11):

Kurs einen Tag später fast 14 Dollar, also über 10 % höher als vor der “Attacke”.

SPRD Up 12%: Conf Call, Dividend Encouraging, Says Needham – Tech Trader Daily – Barrons.com

Fallen 10-15 Banken durch den EU-Stresstest?

Das sagen neueste Gerüchte, die Reuters verbreitet und die auf EZB-Quellen basieren sollen.

Die meisten Banken werden wohl aus Griechenland kommen, dann folgt wahrscheinlich Spanien (auch wenn da fleissig fusioniert wurde und die Zahl der betroffenen Banken sinken könnte, was aber leider nicht bedeutet, dass auch die Probleme geringer sind) und auch Deutschland wird dabei sein (Commerzbank? Landesbanken?). In Irland kann nix mehr failen, da ist alles bereits in der Abwicklung. Ich weiss gar nicht, ob überhaupt noch eine irische Bank bei den 91 stressgetesteten Banken dabei ist.

Exclusive: Up to 15 EU banks to fail stress test: sources | Reuters

Update (15:05):

Es sind doch drei irische Banken dabei:

http://www.eba.europa.eu/cebs/media/Publications/Other Publications/2011 EU-wide stress test/Sample-of-banks-(updated-21-April,-2011).pdf

Ein interessantes Zahlenpärchen zu Deutschland und dem Euro

Deutsche Exporte in die Eurozone 1999 235 Mrd. Euro, 2010 392 Mrd. Euro —> +67%

Deutsche Exporte in Länder außerhalb der Eurozone 1999 275 Mrd. Euro, 2010 566 Mrd. Euro —> +105%.

(gefunden in der WAZ, nicht nachgeprüft).

Damit wird zumindest die These, dass Deutschland der Hauptprofiteur des Euro sei und Deutschland den Euro quasi zum Überleben als Exportnation benötige, wacklig … 

(Deutschland hat natürlich trotzdem vom Euro profitiert, allein schon, weil damit Konkurrenz aus dem Weg geschaffen wurde. Denn all den Ländern, die früher mithilfe von Abwertungen halbwegs wettbewerbsfähig bleiben konnten, fehlt jetzt dieses Mittel. Was ihnen aber erst jetzt, mehr als ein Jahrzehnt später, schmerzlich bewusst wird …)

Wettskandal in Griechenland (noch) viel schlimmer als gedacht

Das war schon eine komische Nummer: Im Mai wurden ziemlich konkrete Beweise (Telefongesprächsmitschnitte) in einem großen Bestechungsskandal in der griechischen Fußballliga vorgelegt: Jetzt Beweise im Bestechungsskandal im griechischen Fußball – egghat’s not so micro blog. Ich äußerte die vage Hoffnung, dass es jetzt wohl endlich nach monatelangen Spekulationen zu Konsequenzen kommen könnte: “Naja, nun hilft hoffentlich vertuschen und verschleppen nicht mehr weiter.

Aber nix da. Der griechische Fußballverband stellte weitere Ermittlungen doch tatsächlich ein, weil die Vorwürfe nur Spiele betrafen, die länger als einen Monat abgeschlossen waren (In Griechenland “vermonaten” Epressungsversuche im Fußball – egghat’s not so micro blog). Ich habe aber schon damals darauf hingewiesen, dass das nur die Liga betrifft. Die Staatsanwälte und die Polizei können wegen Betrugs und Steuerhinterziehung durchaus weiter aktiv werden und taten das zum Glück auch.

Und das führte am Wochenende zu einem Schwall von Verhaftungen. Direkt 85 Verdächtige wurden verhaftet. 15 Täter sollen dabei den engeren Kreis ausmachen, 70 gehören zu den engeren Verdächtigen, möglicherweise werden es auch noch 800 …

Im Zentrum der Ermittlungen steht wohl der Zweitligaverein Ilioupoli, auf dessen Konten

550 Millionen Euro

gefunden wurden, deren Herkunft aktuell noch unklar ist. Ob das Gelder sind, die mit Spielschiebungen (und den entsprechenden Wetten in Asien) gewonnen wurden oder ob sie aus noch dubioseren Quellen stammen, wird sich (hoffentlich) noch zeigen. Im Moment deutet aber alles auf die Wetten hin …

Scheinbar wurden in Griechenland verbreitet Spieler (Gehälter und Ablösesummen) in bar aus diesen schwarzen Kassen bezahlt. Der Skandal zieht sich sogar hoch bis in die erste Liga zum Verein Olympiakos Volou, der sich noch für die Europa-League qualifizieren kann (wenn er nicht vorher disqualifiziert wird). Auch mindestens ein Nationalspieler Griechenlands und der ehemalige Vizechef der Fußballverbands stehen auf der Liste der Verdächtigen.

Wuoah. Das hat eine neue Qualität …

Wettskandal erschüttert Griechenland – Int. Fußball – kicker online

ekathimerini.com | Olympiakos chief, Greece defender named as suspects

ekathimerini.com | Match-fixing suspects could number more than 800

Update (08:50):

Am nördlichen Rand Europas sieht es scheinbar auch nicht besser aus. Nur dass niemand denkt, ich würde Griechenhass schüren …

Der finnische Klub Rovaniemen Palloseura wurde drei Mal von der internationalen Wettmafia unterwandert. Ein Schicksal, das zeigt, wie klein die Fußballwelt geworden ist – und wie böse.

11 Freunde: Fußball – International – Der finnische Klub ROPS im Bann der Wettmafia – Die Betrogenen vom Polarkreis