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Schöner Artikel über Korrelation und wie wenig daraus zu lernen ist.

Wenn man die Ursache und die Wirkung nicht eindeutig bestimmen kann.

Das ist vor allem der Fall, wenn man den Versuchsaufbau nicht im Labor nachbauen kann. In der Realwelt gibt es halt immer viele Einflussfaktoren und man kann diese nie sauber auseinanderklamüsern.

Das betrifft im Prinzip alle Untersuchungen, die es zum Thema Ernährung und Gesundheit gibt. Es gibt viel zu viele Einflussparameter um auch nur ansatzweise wissenschaftlich haltbare Aussagen wie “Süßstoffe sind gut/schlecht”, “Butter ist besser als Margarine”, “Acai-Beeren machen fit” treffen zu können. Ich weiss, es gibt ganze Magazine, die ihre Seiten mit nichts anderem (und einem Haufen Product-Placement) füllen. Vergesst Sie, werft sie weg. Das ist alles Müll.

Die NZZ nimmt die auffällige Korrelation von Süßstoffkonsum und Fettleibigkeit unter die Lupe. Beides nahm in den letzten Jahrzehnten deutlich zu. Nur ist der Zusammenhang unklar. Sorgen Süßstoffe direkt dafür, dass man mehr Hunger bekommt (Stoffwechsel durch vermeintlichen Zucker “verwirrt”)? Oder ist es eher so, dass man sich durch Süßstoffe an “zu süße” Nahrung gewöhnt und dann auch bei Nicht-Light-Produkten zu zuviel Zucker greift? Oder ist es einfach nur Zufall? Ich könnte auch die Anzahl von Fernsehern oder PCs mit dem Anteil der zu fetten Menschen korrelieren lassen.

Es gibt jetzt ein paar Untersuchungen, die versuchen, die Ernährung von Menschen monokausal zu untersuchen. Also wirklich Testgruppen zu bilden, in denen nahezu alle Eigenschaften gleich verteilt sind (Dicke – Dünne. Sportliche -Couch potatoes. Fast Food – Selberkocher), nur dass einmal Süßstoff verwendet wird und einmal nicht. Dadurch kann man eventuell an den wirklichen Zusammenhang kommen. Wenn denn die Anzahl der Teilnehmer groß genug ist (wird teuer!), die Teilnehmer die Wahrheit sagen, und die Untersuchung statistisch sauber aufbereitet wird (und nicht von einem Süßstoffkonzern gesponsort wird 😉 )

Und selbst dann kann es sein, dass die Aussage über die Gesamtheit nichts nützt, denn der Stoffwechsel von Mensch A muss noch lange nicht genauso funktionieren wie der Stoffwechsel von Mensch B. Und der Süßstoff A sich nicht genauso verhalten wie Süßstoff B.

Und damit ist man genauso weit wie vorher.

Es bleibt beim alten Ernährungshinweis:

„Eat Food, not too much, mostly plants“.

(wobei “food” alles ist, was auch deine Oma als “Lebensmittel” in ihrer Jugend als Lebensmittel erkannt hätte, also z.B. keine Tiefkühlpizza oder Fertigsaucen).

Und dann noch etwas mehr bewegen und das reicht schon.

Nicht nur Zucker, sondern auch kalorienfreie Süssstoffe sollen Übergewicht und Stoffwechselstörungen begünstigen. Diese These steht seit einem Vierteljahrhundert im Raum, liess sich aber bis heute weder eindeutig verwerfen noch bestätigen.

P.S. Damit ihr wenigstens etwas Konkretes gelernt habt: Bier hat in etwa so viele Kalorien wie Apfelsaft. Wegen der Kalorien Saft statt Bier zu trinken, macht also keinen Sinn. In diesem Sinne: Prost.

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Video

Richard Thaler in der BBC über Behavioural Economy.

Thaler lag ja schon ein paar ziemlich weit vorne bei den Wetten auf den Gewinner des nächsten Wirtschaftsnobelpreis.

Das kann man sich an einem verregneten Wochenende mal ruhig anschauen.

3. Teil der Ökonomen-Serie in der FAZ: Joan Robinson

Schönes Zitat:

„Ökonomie sollte man nicht mit dem Ziel studieren, eine Reihe von fertigen Antworten auf ökonomische Fragen zu erlangen, sondern um zu lernen, wie man es vermeidet, von Ökonomen getäuscht zu werden.“

Ich bin aber nicht sicher, ob

„Weil ich nie Mathematik gelernt habe, musste ich denken“

nicht noch schöner ist.

Wie schon die ersten beiden Teile lesenswert …

Video

WENAG #93: Fernkälte statt Klimaanlagen – Zeit im Bild, 27.7.2013 (von Andreas Sator)

Gibt es sowas in Deutschland auch? Habe ich noch nie gehört, auch wenn es eigentlich logisch ist.

OK, Wikipedia hilft …

Fernkälte – Wikipedia

In Deutschland gibt es noch aus DDR Zeiten ein Fernkältenetz, das bis 1993   aber nicht mit Abwärme, sondern mit Strom betrieben wurde. Und damit den ökologischen Charme natürlich völlig verpennte …

Ansonsten gibt es noch einen Prototypen in Gera.

Im Spiegel (ursprünglich aus der Technology Review) gibt es noch einen ganz interessanten Artikel über den Ausbau des Fernkältenetzes in Chemnitz. Dort hat man zum ersten Mal einen Kältespeicher gebaut, in dem man Kälte (in Form von kaltem Wasser) speichern kann. Das war gar nicht so einfach … Spannend sind die Kältespeicher auch, weil ich damit quasi Energie speichern kann. Wenn ich mit dem billigen Strom nachts (in Deutschland üblich, v.a. wenn es windig ist) die Kälte für den Tag “vorproduziere”, nutze ich die vorhandenen Energieerzeugungskapazitäten besser. Ich kann mit billigem (überflüssigem) Strom in der Nacht Kälte erzeugen und spare teuren (knappen) Strom am Tag. Im Hinblick auf die Energiewende sehr wichtig, denn der Mangel an Energiespeichern ist aktuell der größte Bremsfaktor beim Umbau.

Was mich mal interessieren würde: Wie hoch ist der Wirkungsgrad des gesamten Systems? Weiss das jemand? Also Vergleich zentrale Erzeugung der Kälte aus Abwärme vs. dezentrale Erzeugung durch Abwärme —> Strom —> Klimaanlage im Büro.

Update (12:54):

In München gibt es das auch:

M-Fernkälte – Stadtwerke München – Geschäftskunden

Danke an ftf für den Hinweis:

App.net | ftf: @egghat Fernkälte gibt’s in München auch von den S…

München macht das aber passiv, sprich die Kühlung gibt’s durch Alpenwasser. Eine ähnliche Lösung gibt es wohl in Paris, die teilweise noch aktiv unterstützt wird. Danke für den Hinweis an Martin RandelhoffDieter Meyeer – Google – Fernkälte. Das Konzept kannte ich auch noch nicht. In Wien…

Update 2 (14:20):

Noch ein Hinweis, diesmal auf Facebook von Stefan Berreth. Nicht ganz unerwartet wird das in richtig heißen Regionen z.B. in den Golfstaaten schon länger gemacht:

District Cooling Overview

Update 3 (15:18):

Es gibt auch eine ganze Website zum Thema:

KWKK | Informationsseite zu Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung

Danke an Holger für den Hinweis.

Haarproben der FBI mangelhaft? Mglw. falsche Todesstrafen?

Wie viele der mehr als 2.000 Haarproben als fehlerhaft bzw. nicht so stichhaltig wie bisher geglaubt eingeordnet werden, ist noch nicht absehbar.

Aber allein die Tatsache, dass die Haarproben für nicht mehr so stichhaltig gehalten werden wie früher und die Tatsache, dass mit der Haarprobe als Hauptbeweis Menschen zur Todesstrafe verurteilt wurden, sollte jedem Befürworter der Todesstrafe zu Denken geben. Richtig zu denken geben.

FBI hair analysis may have falsely convicted thousands, including some on death row | The Verge

Video

WENAG #87: Internet per Ballon.

Coole Idee von Google. Einen Haufen Ballons in die Stratosphäre (etwa 20km über der Erde, wo nur ab und an ein Baumberger vorbeigefolgen kommt) schicken und darüber Internet für die Gegenden machen, die bisher kein Internet bekommen können. Weil sie zu abgelegen sind, weil sie zu dünn besiedelt sind.

Stromversorgung gibt es über Solarzellen. Das größte Problem ist die Steuerung der Ballons. Hier glaubt Google, dass man die Ballons über Höhenänderung und die unterschiedlichen Windströmungen, die man damit erfassen kann, genau genug steuern kann, um jederzeit Ballons an jedem Ort zu haben.

Unten auf der Erde gibt es dann einen etwas größeren Außensender und -empfänger (etwa Fußballgröße), der mit den Ballons spricht.

Die Ballons sollen selber auch untereinander vernetzt werden und einige werden dann auch den Downstream zu Übergangspunkten auf dem Boden übernehmen.

Ziemlich coole Idee. Die Herausforderungen sind (IMHO) natürlich erstmal die Steuerung der Ballons und zweitens die Haltbarkeit. Das Wetter da oben ist halt nicht wirklich angenehm …

Vorstellung des Project Loon: Ballongestützter Internetzugang – Der offizielle Google Produkt-Blog

Link

Kliometrie: Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Fogel gestorben – Wirtschaft – FAZ

R.I.P.

Alle Wirtschaftsinteressierten sollten mal nach einem populärwissenschaftlichen Artikel über die Sklaverei-Untersuchung von Fogel Ausschau halten. Es könnten wegen seines Tods einige kommen (ich habe mal einen gelesen, weiss leider nicht mehr wo und kann den daher nicht verlinken). Denn die Arbeit von Fogel ist ziemlich interessant und *ziemlich* kontrovers.

Fogel hat nämlich versucht mittels Zahlen und Modellen nachzuweisen, dass die Sklaverei ein wirtschaftlich sinnvolles Modell war.

Huh … Sklaverei sinnvoll?

Aber Fogel argumentiert damit nicht für die Sklaverei, sondern nur gegen die bis zur Veröffentlichung seines Werks gängige Meinung, dass die Sklaverei auch wirtschaftlich sinnlos war.  Dass Sklaverei moralisch verwerflich ist, hat Fogel nicht angezweifelt.

Aber diesen Unterschied zu kapieren, hat viele Leute intellektuell deutlich überfordert, wie die Zahl der Angriffe zeigt, die er bekommen hat.

Update (12:31):

JTiemer hat einen Artikel vom Economist auf Google+ geteilt, den ich hier gerne empfehlen würde.

Economic history: Robert Fogel has died | The Economist

Der kurze Kommentar dazu von Johannes Tiemer war:

Wirtschaftsgeschichte ist in aktuellen Curricula unterrepräsentiert. Ehrt sein Andenken und ändert das!”

Und ich dazu:

In der Tat. 

Den inzwischen sehr umstrittenen Rogoff & Reinhardt ist es immerhin zu verdanken, dass mal jemand die Daten zu Verschuldung der Staaten und der Pleiten gesammelt hat. Es zeigt auch, auf welch dünnem Eis sich die Ökonomen bewegen … Über extrem wichtige Entwicklungen der Vergangenheit liegen nur Daten in äußerst mangelhaftem Umfang vor.

Anders gesagt: Wir wissen eigentlich fast gar nichts.

Das liegt natürlich auch daran, dass zwar große Teile der Ökonomie damit beschäftigt sind, komplizierte theoretische Modelle zu bauen, aber keine Lehrstühle für Wirtschaftsgeschichte (wie auch für Wirtschaftsethik) finanziert werden.

Deshalb sind die Erkenntnisse von Fogel wohl auch so revolutionär. Weil sich um Wirtschaftsgeschichte kaum jemand kümmert und niemand Lust hat, die Sachen richtig auseinanderzuklamüsern.

Update 2 (14:33):

Das ist auch ganz fein:

“Without Consent or Contract,” R. W. Fogel (1989) | A Fine Theorem

(hat jemand was gutes Deutsches?) Wo ist der Storbeck, wenn man  ihn braucht …

Kliometrie: Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Fogel gestorben – Wirtschaft – FAZ