Unwort des Jahres 2012: Opfer-Abo

Glückwunsch, Herr Kachelmann!

Damit habe Jörg Kachelmann den Frauen, die sich trauen, eine Vergewaltigung bei der Polizei zur Anzeige zu bringen, vorgeworfen, in vielen Fällen selber Täter zu sein.

Die Wahl ist zwar irgendwo richtig, denn es werden sicherlich viel mehr Gewaltvorfälle NICHT angezeigt, als dass Fälle “ausgedacht” werden. 

*Aber* das bedeutet leider nicht, dass nicht trotzdem ein Teil der angezeigten Fälle “ausgedacht” sein kann. Zwischen den beiden Gruppen (zur Anzeige gebracht, nicht zur Anzeige gebracht) besteht halt kein Zusammenhang, man kann immer nur in einer Gruppe sein. Und die “ausgedachten” Fälle fallen logischerweise alle in die Gruppe, die zur Anzeige gebracht werden. Und da mag das durchaus ein relevanter Teil sein (obwohl das natürlich und leider nie jemand weiss, auch im Fall Kachelmann kennt die Wahrheit von uns niemand)

Kachelmann kümmert sich – als angezeigter Mann – natürlich nur um die Gruppe, die den Fall zur Anzeige gebracht haben. Was auch für die gesamte Justiz gilt, denn was nicht angezeigt wird, kümmert die Justiz nicht. Damit wird aber auch der größte Teil des Problems, nämlich die hohe Dunkelziffer, radikal unter den Tisch gekehrt.

Man sieht, das Thema ist sehr schwierig. Und daher finde ich die Wahl (obwohl die 95% Nichtanzeigen mit der Anzahl der “ausgedachten” Vorfälle streng genommen nichts zu tun haben) am Ende OK, weil Kachelmann (wie aber leider auch die Medien) das aus logischer Sicht nicht richtig erklärt und viel zu grob vereinfacht.

Mir hätte am Ende Platz 2, die “Pleite-Griechen” logischerweise viel besser gefallen. Denn damit wird jeder einzelne Grieche in Sippenhaft für die Verfehlungen der griechischen Regierung genommen.

Wobei mir der Begriff “Griechen-Hilfe” fast noch besser gefallen hätte, denn bekanntlich wurden ja nicht die Griechen, sondern die Gläubiger der Griechen, gerettet. Und die sitzen zum größten Teil NICHT in Griechenland, sondern um Ausland … (siehe Nur 15 Mrd. der 410 Mrd. Griechenlandhilfen gingen an Griechenland – egghat’s not so micro blog).

Über den Begriff auf Platz 3 (“Lebensleistungsrente”) kann ich mich kaum noch aufregen. Das ist halt einer von den Tausenden nichtssagenden Beamtenbegriffen. Ja, langes Wort, hinter dem am Ende wenig Geld steckt … Eigentlich eine Beleidigung für alle, die diese Rentenaufstockung bekommen, als auch für alle, der Minirente nicht aufgestockt wird, weil sie die “Lebensleistung” nicht erbringen konnten.

http://www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2012.pdf

Das Börsenunwort wurde auch gewählt. Die Börse Düsseldorf hat den “freiwilligen Schuldenschnitt” ausgesucht. Diese sei nicht sonderlich freiwillig gewesen, sondern erst durch nachträglich in die Verträge eingebaute Regeln durchgesetzt worden. Was natürlich ein Vertragsbruch ist. Und alle, die nicht zugestimmt haben, mussten trotzdem mitmachen. Freiwillig geht eigentlich anders.

Börse Düsseldorf – Pressemitteilungen

Update (11.11):

Stephan Dörner merkt auf Twitter an, dass Kachelmann das logische Problem zumindest in dem Talkshow-Auftritt bei Jauch gut erklärt hat. Da stimmt ich zu, ich habe Kachelmann (und seine Frau) damals auf Twitter auch verteidigt. (Wahrscheinlich ist ein solcher logischer Zusammenhang einfach nicht TV-tauglich). Der Begriff ist natürlich trotzdem eine grobe Pauschalisierung in einer Angelegenheit, für die nichts schädlicher ist als solche Pauschalisierungen …

Wegen der Zweischneidigkeit des zugrundeliegenden Sachverhalts finde ich die Wahl nicht wirklich gelungen. Platz 2 wäre eher mein Favorit gewesen …

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